Das Mass der Zerstörung
Jeßnitz: Fassungslos vor der Wucht des Wassers  
Aufräumen in Dessauer Straße - Krisenstab: Gefahr hält an  
Von Alexander Schierholz  


Jeßnitz/MZ. Große Krater im Gehweg, die Platten übereinander geschoben. Mauern und Zäune einfach in Gärten gestürzt. Jeßnitz, am Freitagvormittag. Vom Rand der Stadt, aus der Dessauer Straße, hat die Flut sich zurückgezogen - und offenbart die ersten Schäden. Trotz Warnungen der Behörden sind viele Hausbesitzer wieder zurück gekehrt. Das große Aufräumen hat begonnen.

Familie Seidel freilich will nur mal nach dem Rechten sehen auf ihrem Grundstück. Und mitnehmen, was noch nötig ist, ein paar Flaschen Getränke, Gummistiefel. Dann geht es zurück zu den Verwandten in Hinsdorf (Kreis Köthen). Der Anblick ist schlimm genug: Die Mauer, die den Hof abtrennt, ist von der Wucht des Wassers weggerissen worden. Durch den Garten hat die Flut eine Schneise der Verwüstung geschlagen, Bäume wie Streichhölzer geknickt. Im öligen Wasser schwimmt ein Goldfisch. Julia Stein, die mit Schwester Theresa und Großmutter Eva die Lage inspiziert, fängt ihn mit einem Einmachglas ein. Es riecht nach Öl, irgendwo muss ein Tank leckgeschlagen sein.
 

Eva Stein ist fassungslos: "Schauen sie sich das an, schauen sie sich das doch nur an!" Für die ältere Jeßnitzerin ist es nicht das erste Hochwasser, das sie erlebt, aber das erste Mal, dass sie das Haus verlassen musste: "Selbst 1954 war es nicht so schlimm." 1905 hat ihr Onkel das Haus errichtet, drei Jahre nach einer verheerenden Flut in Jeßnitz. Dass der Onkel, wohl aus dieser Erfahrung heraus, etwas höher baute, kommt seiner Nichte und deren Familie am Samstag zupass. "In der Wohnung hatten wir das Wasser zum Glück nicht", sagt Frau Stein. "Kurz vor der letzten Stufe hat es halt gemacht." Schätzungsweise 1,20 Meter hoch muss die braune Brühe gestanden haben, die Spur an der Außenmauer zeigt es.

Bei Gerhard Rühle, ebenfalls in der Dessauer Straße, ist die Flut in den Keller geschwappt. Jetzt läuft ununterbrochen die Pumpe. Sein Schwiegersohn Jürgen Ebel hat sie aus Telgte in Westfalen mitgebracht, eine Leihgabe von Feuerwehrkameraden. "Am Mittwoch früh um vier haben wir uns ins Auto gesetzt und sind hergefahren", erzählt Ebel. Vorerst bis zum Wochenende wollen er und seine Frau bleiben und mit den Nachbarn in konzentrierter Aktion die Keller leer pumpen. "Das muss man gemeinsam und abgestimmt machen, sonst läuft es immer wieder rein", schildert er seine Erfahrungen.

Der Katastrophenstab hat Bewohner aus Jeßnitz und Raguhn unterdessen davor gewarnt, bereits jetzt wieder in ihre Häuser zurückzukehren. "Die Gefahr für die beiden Städte ist keineswegs gebannt", sagte Einsatzleiter Uwe Hippe der MZ. Laufe die Goitzsche über, werde das Wasser über die Friedersdorfer Aue letztlich wieder in die Mulde gelangen. Zudem wird befürchtet, dass der Fluss bei Dessau nicht in die ebenfalls Hochwasser führende Elbe abfließen kann - und erneut steigt. In Jeßnitz verstärkte das Technische Hilfswerk deshalb am Freitagabend erneut Dämme. Einwohner wurden aufgefordert, ihre Häuser zu räumen.

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung