Chronologie der Flut im August 2002

Die Ereignisse vom 7. bis zum 18. August

Dresden/Bitterfeld/MZ.
Mittwoch, 7. August:
Die ersten alarmierenden Meldungen kommen noch aus der Ferne. „Weite Teile Südeuropas werden von verheerenden Unwettern heimgesucht“, melden die Agenturen. In Italien, Österreich, Kroatien und Tschechien kommt das Wasser als Sintflut vom Himmel. Teilweise fallen innerhalb von zwölf Stunden zwischen 131 und 250 Liter Regen. Norditalien muss den Notstand ausrufen. Auch in Bayern wird der Dauerregen allmählich zum Problem.

Donnerstag, 8. August:
Nun sprechen die Schlagzeilen schon von einer „Jahrhundertflut“. Die Meteorologen registrieren die heftigsten Regenfälle seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahre 1896. Chaotische Verhältnisse in Österreich, nun auch in Spanien, Großbritannien und Russland. Die ersten Toten sind zu beklagen: In einem russischen Ferienort werden 12 Menschen auf einem Zeltplatz von den reißenden Fluten ins Meer gespült. In Österreich, Tschechien und Rumänien gibt es ebenfalls Tote. In Bayern verursachen die heftigen Regenfälle zahlreiche Erdrutsche.

Freitag, 9. August:
Der Regen hat kein Ende. Dramatisch ist die Lage in Österreich. Ganze Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten. Schlammlawinen reißen Häuser mit sich. Frankreich, Italien, Spanien und Tschechien melden neue sintflutartige Regenfälle. Die Zahl der Toten steigt. An der russischen Schwarzmeerküste fegt ein Wirbelsturm über Dörfer und Städte.

Erste Alarmmeldungen nun auch an der Elbe: Der Pegel steigt ungewöhnlich rasch. Durch anhaltende Regenfälle hat er in Dresden bereits 5,40 Meter erreicht, wo er zwei Tage zuvor noch bei 2,16 Metern stand. Erstmals ist von Hochwasser-Gefahr die Rede.

Horror-Meldungen auch aus Asien: In China und Indien kommen 10 000 Menschen bei Überschwemmungen ums Leben.

Samstag/Sonntag, 10./11. August:
Die Regenfluten haben nun auch mit voller Härte Deutschland erwischt. „Land unter“ in Bayern und Schwaben. Dort steht in einigen Orten das Wasser in den Straßen brusthoch. In Dresden zeigt der Pegel 5,58 Meter.

Nach stundenlangen Regenfällen und heftigen Gewittern steht Italiens Hauptstadt Rom unter Wasser. An der Adria müssen sich Urlauber vor den Fluten in Sicherheit bringen. Auf Mallorca werden Strandpromenaden überschwemmt.

Montag, 12. August:
„Europa kämpft gegen die Fluten“ lautet die Schlagzeile. In Bayern und Ostdeutschland heißt es „Land unter“. In Traunstein laufen Keller voll, Anwohner müssen ihre Häuser verlassen, weil Dämme brechen. Passau meldet mit 9,70 Metern einen Pegelstand, der jenen des „Jahrhunderthochwassers“ von 1999 übersteigt. Auf der Donau wird die Schifffahrt eingestellt. Die Autobahn A 8, die wichtige Verbindung München-Salzburg, muss zeitweise gesperrt werden. In sechs bayerischen Landkreisen wird Katastrophenalarm ausgelöst.

Katastrophenalarm nun auch in Sachsen. Die Elbe nähert sich der Sechs-Meter-Marke.

Halb Österreich versinkt nach neuen Unwettern im Wasser. Die sonst eher beschauliche Salzach führt so viel Wasser, wie seit 100 Jahren nicht mehr und ist zum reißenden Strom geworden, weite Teile der Salzburger Innenstadt stehen unter Wasser. Noch schlimmer hat es das oberösterreichische Steyr getroffen, wo die historische Altstadt in den Fluten versinkt.

Auch Prag löst die höchste Alarmstufe aus und verhängt den Ausnahmezustand. In Südböhmen müssen Bewohner per Hubschrauber in Sicherheit gebracht werden.

Dienstag, 13. August:
In Sachsen und Bayern verschärft sich die Lage dramatisch. In Dresden erreicht morgens um sechs Uhr der Pegel sieben Meter - Gewöhnlich misst er zu dieser Sommerzeit kaum zwei Meter. Teile der historischen Altstadt um Zwinger und Semper-Oper stehen unter Wasser, das Innere des Zwingers ist nur noch ein riesiger See. In Dresden-Loschwitz stehen in Ufernähe schon fast alle Keller unter Wasser. Ein Krankenhaus muss evakuiert werden. Am Nachmittag fließt durch den Dresdner Hauptbahnhof ein reißender Fluss und sprudelt aus den Haupteingängen heraus. Der Bahnverkehr ist längst eingestellt. Es regnet weiter: bis zu 154 Liter pro Quadratmeter.

Die Nachbarstadt Pirna muss wegen Überflutung zur Hälfte evakuiert werden. In Freiberg haben schon 80 Prozent der Einwohner keinen Strom mehr, Telefonnetze brechen zusammen. Die berühmte Uhrenstadt Glashütte, ist nur noch per Hubschrauber erreichbar. In der Sächsischen Schweiz sind viele Dörfer komplett geräumt. Kleine Flüsse wie Weißeritz oder Priesnitz sind zu reißenden Strömen geworden und bedrohen den Wasserstand der Elbe, in die sie münden. Um 23 Uhr ist Grimma verloren. Katastrophenalarm in Bitterfeld und Dessau.

In Passau erreicht der Pegelstand der Donau den Rekordstand von 10,81 Metern, danach fällt er leicht. Fast die gesamte Altstadt ist nun überschwemmt. In Prag verlassen 50 000 Einwohner vorübergehend die Stadt. In Tschechien sterben neun Menschen in den Fluten, in Österreich sind es sieben.

Mittwoch, 14. August:
Mittwoch, 14. August: Die Fluten des Hochwassers treiben in Deutschland immer mehr Menschen in die Flucht, zerstören Existenzen und verwüsten ganze Landstriche. Inzwischen unterstützen Helfer aus dem ganzen Land die Krisenregionen. Die Bundesregierung beschließt ein Soforthilfeprogramm über 400 Millionen Euro für die Opfer. Der Schaden wird aber längst auf eine zweistellige Milliarden-Euro-Höhe geschätzt.

In Dresden kämpfen die Menschen verzweifelt gegen die Wassermassen. Der Pegel der Elbe hat die sieben Meter überschritten. Als er kurzfristig um 27 Zentimeter sinkt, glauben die Dresdner, aufatmen zu können, aber die nächsten Hiobsbotschaften dämpfen jede Hoffnung: Von Tschechien, so wird prophezeit, kommt eine gewaltige Flutwelle auf Sachsen zu, die den Pegelstand auf möglicherweise 8,50 Meter hochtreiben wird. Der Kampf der Menschen an dem Fluss, der inzwischen das vielfache seiner normalen Breite erreicht hat, wird weiter intensiviert. Wo immer Sand und Säcke zu haben sind, werden Deiche gebaut.

Bisher sind in Dresden acht Tote zu beklagen. In den historischen Gebäuden und den Museen kämpfen die Menschen um unwiderbringliche Kunstschätze, die in aller Eile in höhere Stockwerke verfrachtet werden. Für viele der wertvollen Werke ist es schon zu spät. In der Semper-Oper steht das Wasser im Keller. Die unteren Refugien der gerade wieder aufgebauten Frauenkirche sind ebenfalls überflutet. Auch Meißen steht unter Wasser.

Ähnlich dramatisch spitzt sich die Lage in Sachsen-Anhalt zu. In den Kleinstädten Jeßnitz und Raguhn stemmen sich die Einsatzkräfte verzweifelt gegen die aus Sachsen kommenden Wassermassen. Der Kampf ist verloren, als schließlich Deiche brechen. Jetzt helfen nur noch Evakuierungen. Auch der Chemie-Ort Bitterfeld ist bedroht. Einsatzpläne werden geschmiedet. Manche Helfer schieben 36-Stunden-Schichten - und sie können nicht einmal auf Erfolge hoffen.

Das bayerische Regensburg wird von einer neuen Wasserflut der Donau erfasst, Uferregionen werden überspült. 6,60 Meter zeigt hier der Pegel - ebenfalls eine Rekordmarke. Entspannung in Passau.

Donnerstag, 15. August:
Die Jahrhundertflut zieht eine Spur der Verwüstung durch Sachsen. Ein Jahrzehnt des Aufbaus Ost ist in dieser Region vernichtet. Die Elbe hat einen Pegelstand von 8,70 Metern, alle Deiche sind überspült. Ganze Stadtteile stehen im Wasser. Immer mehr Dresdner müssen ohne Strom und Telefon auskommen. Weitere Krankenhäuser werden evakuiert. In Pirna und Heidenau müssen 30 000 Einwohner ihre Häuser verlassen, Bundeswehr und US-Armee errichten Zeltstädte. 100 000 Menschen sind auf der Flucht vor dem Wasser.

Nachdem in Bitterfeld ein Damm im gefluteten ehemaligen Tagebau Goitzsche gebrochen ist, ist erneut die Stadt bedroht. Eine Evakuierung wird erwogen. Weil die Elbe immer mehr Wasser führt, kann das Wasser der Mulde bei Dessau nicht mehr in diesen Strom abfließen und staut sich immer weiter auf. Auch Magdeburg, Wittenberg, Dessau und Städte in Brandenburg bereiten sich nun auf eine Katastrophe vor.

An der deutsch-tschechischen Grenze haben sich auf der Elbe fünf Lastkähne durch die Flut losgerissen und treiben herrenlos auf dem Strom. Sie werden gesprengt oder versenkt. Ein tschechisches Chemiewerk steht unter Wasser, es droht die Gefahr einer Verseuchung.

Freitag, 16. August:
Um 9.32 Uhr meldet die Staatskanzlei in Dresden: Der Pegelstand von neun Metern ist überschritten. Niemals zuvor hatte die Elbe diese Marke erreicht. Die Hilfskräfte müssen den Kampf um Semperoper und das Zwinger aufgeben. Gegen Mittag heißt es für 30 000 weitere Dresdner, ihre Stadtteile zu verlassen - eine gigantische Evakuierungs-Aktion wird gestartet. Auch andere Städte - Pirna, Radebeul, Meißen, Ries, Torgau - müssen teilweise oder ganz geräumt werden. Im brandenburgischen Mühlberg bricht am Nachmittag ein Damm, die Stadt ist in höchster Gefahr. Die Bundeswehr ist in unermüdlichem Einsatz.

Überhaupt hat eine beispiellose Welle an Hilfsbereitschaft die Deutschen erfasst. Firmen spenden Geld, Geräte oder Lebensmittel, aus allen Bundesländern kommen Helfer ins Katastrophengebiet, Solidaritäts-Konzerte oder -Sportveranstaltungen werden anberaumt. Die Hilfsorganisationen registrieren eine nie da gewesene Spendenbereitschaft. Die ersten Finanzhilfen von Bund und Ländern laufen ein.

Samstag, 17. August:
Am frühen Morgen ist in Dresden der Scheitelpunkt der Welle erreicht: 9,40 Meter. Sehr, sehr langsam sinkt der Pegel. Der Kampf um Semper-Oper und Zwinger wird wieder aufgenommen, um möglichst viele Kulturgüter zu retten.

Um kurz nach 10 Uhr stürzt in Pirna eine Eisenbahnbrücke ein, die Flut hat die mittleren Pfeiler weggerissen. Die Bahnverbindung zwischen Dresden und Leipzig ist unabsehbare Zeit nicht mehr möglich.

Im zuvor total überfluteten Grimma ist das Wasser wieder abgeflossen. Erst jetzt ist das ganze Ausmaß der Zerstörung augenscheinlich. Die Straßen sehen aus - ja, es bleibt nur der abgedroschene Begriff: wie nach einem Bombenangriff. 30 Häuser sind in sich zusammengestürzt. Die 18 000-Einwohner-Stadt, die gerade erst umfassend renoviert und restauriert wurde, muss von vorn anfangen. In einer einzigen Nacht ist die Arbeit vieler Jahre zerstört worden. Durch den Dammbruch im Goitzsche-See sind Teile der Innenstadt von Bitterfeld überflutet. 16 000 Bitterfelder Einwohner bleiben evakuiert.

Sonntag, 18. August:
Am späten Vormittag ist in Torgau alle Hoffnung dahin. Trotz höchster Anstrengungen bricht ein Damm an der Elbe. Gewaltige Wassermassen strömen in die Stadt. Auch in der Lutherstadt Wittenberg haben 1,2 Millionen Sandsäcke nicht geholfen, der historische Höchststand des Elbepegels von sieben Metern lässt einen Elbdeich brechen. 8000 Menschen müssen die Stadt verlassen.

Derweil versuchen die Helfer elbabwärts mit allen Mitteln die Dämme zu verstärken und zu erhöhen, um die Dienstag und Mittwoch kommenden Fluten doch noch besiegen zu können.

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung